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Martha

Auszug und Leseprobe

 

2.Kapitel

 

„Was gibt´s?“ rief die Mutter schon von weitem, sie ging schneller und schneller. Martha kam mit ihrem hinkenden Gang kaum nach. Nach Atmen ringend den Berg hinauf rief sie nochmals:

„Was gibt´s? Ist was g´schehn?“

Die Gendarmen ließen sie herankommen.

„Wir sollen euch vom Armeekommando dieses Schreiben überbringen“, sagte der ältere von den beiden und sie salutierten.

In der Zwischenzeit war auch Martha den Weg heraufgekommen und sah, wie die Mutter ernst und mit fragender Miene den Umschlag entgegennahm. Mit ihren groben Fingern versuchte sie ihn zu öffnen, fing aber so zu zittern an, dass ihr das Kouvert fast aus der Hand fiel. Schweigend hielt sie es dem Gendarmen hin, der ihr den Brief öffnete und ihr den Briefbogen geben wollte. Die Mutter wehrte ab und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er ihr den Inhalt vorlesen sollte.

 

Sehr geehrte Frau Stallhofer!

 

Das Armeekommando Süd bedauert Ihnen mitteilen zu müssen, dass  der Obergefreite Franz Stallhofer  in Erfüllung seiner soldatischen Pflicht für das Vaterland am 23.August anno domini verunfallte. Im Zuge einer Truppenübung in den Karnischen Alpen, Abschnitt V/b stürzte er von einer Felswand und kam so zu Tode.

 

Der Armeekommandant persönlich bedauert diesen Vorfall zutiefst.

Im Namen seiner Majestät übergibt die Kaiserliche Armee den Hinterbliebenen eine Entschädigung von 500 Gulden.

 

Der Armeekommandant Süd

Generalmajor Klaus von Döderwitz.

 

Die Mutter stand ganz still.

Sie stand noch wie versteinert, als der Gendarm mit einem Gemurmel, dass das sehr zu bedauern sei, er erfülle auch nur ungern diese traurige Pflicht, das Papier auf die Bank neben der Haustüre hinlegte. Beide salutierten wieder und machten sich auf den Weg zurück nach Molln.

 

Martha stand zwei Schritte neben ihr und wagte es nicht, hinzugehen und sich an die Mutter anzulehnen, zu unheimlich war die Stille und gleichzeitige Härte in ihrem Gesicht. Die Hände der Mutter waren ineinander gekrallt, man hörte die Knöchelchen knacken. Die Atmung ging schwer und sie schluckte die ganze Zeit.

 

Martha getraute sich nicht zu fragen.

Sie hatte den Gendarmen nicht ganz verstanden. Sie stand in ihrem einfachen weißen Kleidchen da, den Kranz noch in der Hand, den ihr der Herr Pfarrer geschenkt hatte. Sie nahm in herunter, blieb dabei im Haar hängen, einige Strähnen lösten sich und sie schaute durch die aufgegangene Frisur wieder zu ihrer Mutter empor.

„Mama“, wollte sie sagen, „sag mir doch ...“. Aber sie getraute sich nicht, diese harte Stille zu zerreißen. Ganz langsam ging sie einen Schritt näher und machte noch einen Versuch:

„Mama!?“ sagte sie dieses Mal ganz leise, aber doch hörbar.

 

Die Mutter ging zur Bank und ließ sich wie in Zeitlupe darauf nieder. Der schwarze lange Rock raschelte und da sie ihn nicht hochhob, riss irgendwo eine Naht ein, was sie aber überhaupt nicht bemerkte. Neben ihr lag der Brief, Martha nahm ihn und begann zu buchstabieren. Ganz leise wiederholte sie den Text, leise und stockend, besonders gut hatte sie nicht lesen gelernt, die Häuslkinder mussten mehr zu Hause rackern als in die Schule gehen.

... kam so zu Tode ...

Da stockte sie. Der Vater?

„Papa?“ sagte sie leise zur Mutter hin gewandt. „Der Papa?“

Martha

1900-1914

k.u.k.

Gendarm

um 1900

Steyrtalbahn um 1900

Werner Steinkellner

Dr. med. univ.

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Molln um 1900